KIRCHEN IM MEMELGEBIET

Die Hauptkonfession Katholizismus wurde im 16. Jh. im Memelland durch Protestantismus ersetzt. Die Reformation machte ihren Einfluss nicht nur auf das gesamte Leben des Herzogtums, sondern auch auf benachbartes Litauen. Man vergisst oft, dass Martinus Masvidius (Martynas Mažvydas), Autor des ersten Buches in litauischer Sprache, auch evangelisch lutherisch war und Christian Donalitius (Kristijonas Donelaitis, Verfasser des ersten Buches der schöngeistigen Literatur in der litauischen Sprache) war Pfarrer einer lutherischen Gemeinde. Folgend dem Gedanken der Reformation, dass man die Bibel in der Muttersprache lesen sollte, wurde der Gottesdienst in Preußisch Litauen litauisch gehalten, somit auch Lese- und Schreibfähigkeit gefördert. Abgesehen von der evangelisch-lutherischen Kirche, der Hauptkonfession des Landes, wurden auch andere Gemeinden im Laufe der Zeit in Preußen gegründet: evangelisch reformierte, englische, Baptistengemeinde.


In der virtuellen Ausstellung „Die Kirchen im Memelland“ wird die Historie der über 40 Kirchen verschiedener Konfessionen geschildert. Ein Teil dieser Kirchen ist während des Krieges zerstört worden oder wurde in der Nachkriegszeit abgetragen. Die Ansichten der Kirchen, die in der Ausstellung verwendet wurden, stammen aus dem Archiv der Arbeitsgemeinschaft der Memellandkreise e.V., das in der Öffentlichen I. Simonaitytės Kreisbibliothek Klaipėda als Dauerleihgabe aufbewahrt wird.

Nach der Gründung der Stadt Memel reichte die in der Stadt erbaute St. Nikolai Kirche für die gesamte Umgebung. Sie versorgte den nördlichen Teil des Gebiets und Polangen. Für den südlichen Teil gab es eine Kapelle mit einem Geistlichen in Prökuls. Vor der Reformation waren alle Kirchen katholisch. Es wird behauptet, dass bis Anfang des 16. Jh. es in der Stadt drei Gotteshäuser gab: eine deutsche und eine litauische Kirchen für die Bewohner der Stadt sowie eine Kapelle für die Besatzung der Burg, die nach der Reformation an die Stadtkirche angeschlossen wurde. Es gibt auch Quellen, in denen behauptet wird, dass angeblich auch die Marienkirche für die Burgbewohner auf dem Burggelände zuständig war. Am 23. September 1854 wurde Gemeinde Witte in der Stadt offiziell eingetragen. Zu dieser Gemeinde gehörten Witte, Bommelswitte und Sandwehr. Die Gemeinde besaß eigene Kirchenbücher und den Kirchenstempel. Nach dem Anschluss Amtswitte an die Stadt wurde die Amtswitte an die Gemeinde der St. Johannis-Kirche und Bommelswitte an die Landeskirche angeschlossen. Ab 1858 wurde zum Hauptfaktor der Zugehörigkeit zu einer Gemeinde nicht mehr die Sprache, sondern der Wohnort: die Einwohner der Vorstädte und der nahe liegenden Dörfer gehörten zu der Landeskirche. Ab 1893 wurde der Gottesdienst für Kinder eingeführt: in Memel, etwas später in Heydekrug, in Ruß, gelegentlich auch in Werden. In der Stadt sowie überall im Land waren verschiedene Vereine tätig, die sich um Sozialangelegenheiten der Armen, Waisen oder alten Menschen kümmerten (Evangelischer Arbeiterverein, Katholischer Arbeiterverein, Evangelischer Jungfrauenverein) Es gab auch Freidenker in der Stadt, die kritisch oder gar negativ zu der Religion standen. Die Baptistenbewegung verbreitete sich bis nach Prökuls, Heydekrug, Wilkyten und sogar Libau. Für die Bewohner der Dörfer Nidden, Negeln und Karwaiten auf der Kurischen Nehrung war der Pfarrer aus Kunzen zuständig. Der Gottesdienst wurde in einer Kapelle gehalten, die am Anfang der Reformation gebaut und später vom Sand verschüttet wurde. Ab 1709 wurde die Kurische Nehrung vom Diakon der Litauischen Kirche bedient. Er hielt den Gottesdienst jeden dritten Sonntag in Negeln und Karwaiten. Wegen problematischer Verbindung kam es öfters zur Verzögerung dieser Termine. Die lutherischen Kirchen werden meistens vom Westen nach Osten ausgerichtet gebaut. Oft haben sie nur einen Turm, der sich im westlichen Teil der Kirche befand. Oft wurde der Eingang in die Kirche durch den Turm errichtet und der Altar befand sich im östlichen Teil. Bei fehlenden Mitteln wurden die Türme erst später und oft aus Holz an die Backsteinkirchen angebaut. Um 1900 wurden die Dorfkirchen am Hauptweg gebaut und waren die einzigen Sakralgebäude solcher Dörfer. Der Hauptgrund für die Errichtung zahlreicher Kirchen im Memelgebiet waren schlechte Wege im Frühling und im Herbst. Die Staatsoberhäupter unterstützten den Bau der Kirchen mit Geldmitteln oder stifteten Sachgüter wie Glocken oder Schmuckelemente der inneren Ausstattung. Manche Kirchen werden als Jubiläumskirchen im Memelgebiet bezeichnet. Zum Anlass des 200-jährigen Bestehens des Königsreiches Preußen wurden 1901 die Gemeinden animiert,

Kirchen in typisch deutscher Bauweise zu bauen. Solche Kirchen wurden großzügiger von der Regierung finanziert. Aus diesem Grund nannte man solche Kirchen Jubiläumskirchen. Der Bauprozess solcher Kirchen wurde von einer Sonderkommission begleitet, um nicht nur den Verbrauch der Geldmittel, sondern auch das Umsetzen architektonischer Anforderungen zu kontrollieren. An den Kirchen wurden meistens Schulen gegründet, in manchen Fällen auch Waisenhäuser. Im 17. und 18. Jh. war es den Pfarrern erlaubt, mit Alkohol zu handeln, Hopfen und Tabak anzupflanzen und Kartschemen zu betreiben, die nicht nur als eine Art Unterhaltungshäuser, sondern auch als Räumlichkeiten für Versammlungen und Predigten dienten. Obwohl das Gebiet protestantisch geprägt war, gab es hier auch Katholiken. König Friedrich I. genehmigte 1702 den Franziskanern aus Crottingen (Kretinga), das damals zum Litauisch-Polnischen Reich gehörte, kranke Katholiken im Kreis Memel zu besuchen, um die letzte Salbung für sie zu ermöglichen. Bis 1945 wurden acht katholische Kirchen und Kapellen in verschiedenen Dörfern des Memelgebiets gebaut. Nach dem vernichtenden 2. Weltkrieg veränderte sich das Leben grundsätzlich. Zu den fatalen Folgen des Kriegs zählt auch die Vernichtung der Kirchen. Hohe Kirchentürme waren hervorragende Ziele für die Artillerie. Die Gebäude wurden durch Bomben und von fremden Soldaten beschädigt. Die Kirchen wurden ausgeraubt, vieles wurde vernichtet. Das Schicksal vieler Sachgüter sowie Sakralgefäße ist nicht bekannt. Beschädigte Gebäude wurden in der Nachkriegszeit weiter vernichtet, sie wurden als Lagerhallen, Fabriken, Mühlen, Sport- oder Kinosäle genutzt. Aufgrund der damaligen Politik wurde auch ein Teil von den Kirchen abgerissen, die den Zweiten Weltkrieg überstanden hatten. Die Ausstellung über die Kirchen im Memelland ist die erste virtuelle Ausstellung, die aus dem Material des AdM Archivs vorbereitet wurde. Manche Kirchen gehörten zu den Kirchenkreisen Tilsit oder Ragnit. Mit der Zeit änderte sich die Zuständigkeit / Zugehörigkeit mancher Kirchen. Diese Ausstellung basiert auf der amtlicher Einteilung 1900. Obwohl im Mittelpunkt dieser Ausstellung die Historie der evangelisch-lutherischen Kirchen stehen, werden auch katholische, Baptisten- und Apostelkirchen berücksichtigt.


Schriftliche Quellen:

Mažosios Lietuvos kultūros paveldas. – V., 2006 A. Juška. Mažosios Lietuvos bažnyčia. – Klaipėda, 1997 R. V. Lingys. Prostestantizmo paveldas Lietuvoje. – Vilnius, 2013 Mažosios Lietuvos enciklopedija. T. 1–4 W. Hubatsch. Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreussens. II – Bilder ostpreussischer Kirchen. – Göttingen, 1968

Vorbereitung der Ausstellung: Viktorija Karalienė;

Abteilung für Heimatkunde und Digitalisierung

Aus dem Litauischen von: Rasa Miuller

Web Gestaltung: Marius Apulskis